BIG DAY OUT!!
Also war ich dieses Jahr beim Big Day Out, dem ozeanischen Megakonzertereignis schlechthin. 72 Bands aus allen möglichen Musikrichtungen treffen auf einem 13stündigen Event auf sieben Bühnen aufeinander, allen voran die Plakatierten Künstler: Tool, Muse, The Killers, Jet, My Chemical Romance, Trivium, John Butler Trio, Evermore... Wer an einer detaillierten Liste der Musiker interessiert ist, der klicke hier.
Der Tag fing für mich um 5 Uhr morgens an, aufstehen, duschen, frühstücken, Sachen packen, los geht's. Um viertel nach sieben nehmen Shelley und ich, abgesetzt von ihrem Vater, den Bus aus Waitoa nach Hamilton. Dort angekommen muss ich herausfinden, dass Shelley keine Ahnung hat, wo wir hinmüssen. Wir befinden uns im Stadtzentrum. Und ich dachte, ausnahmslos jeder würde sich dort zurechtfinden. Also fragen wir uns nach dem Founders Theatre durch, besorgen auf dem Weg eine Flasche Wasser und kommen schließlich wohlbehalten an. Innerlich schüttele ich den Kopf... Das Mädchen lebt hier! Naja, ich vergesse natürlich, Bargeld abzuheben. Also mache ich mich mit 15 Dollar in der Tasche auf die Reise, das soll sich später noch als fatal herausstellen.
Nach eineinhalb Stunden kommen wir in Auckland an und Shelley staunt über die Menschenmassen, etwa so viele Leute, wie an einem Mittwochnachmittag durch die Residenzstraße laufen, alle mit Ziel HAUPTEINGANG. Leicht eingeschüchtert, aber auch amüsiert von dem Schild, das alle 5 Meter an den Metallzäunen hängt ("NO ENTRY - Fence Jumpers Will Be Prosecuted!" - "Kein Zugang - 'Zaunspringer' werden strafrechtlich verfolgt werden"), dekoriert mit massiven Pacific Islandern alle 10 als Security, werden wir in unserem Charter "The ROCKfm" Bus an den Massen vorbeikutschiert, auf der Fahrt habe ich dank Zögerlichkeit die Chance auf ein Welcome To The Black Parade T-Shirt verpasst (Aus welchen US-Bundesstaat stammt My Chemical Romance? NEW JERSEY!!! Das wusste sonst keiner :( Und ich hab mich nicht getraut zu antworten.. Das hat mich echt den ganzen Tag verfolgt!), schließlich kommen wir am Eingang an. Es stehen ca. 300 Leute davor. Also nicht allzu voll. Nach 10 Minuten sind wir auch beide drin, Shelley ohne Tasche im Expressgang, ich durch die Gepäckkontrolle. Sie finden mein Koks nicht, was für ein Glück.
Das erste, was wir machen: Auf die Suche nach anderen, die wir kennen. Man möchte ja den Tag nicht zu zweit, sondern mindestens zu dritt verbringen. Also finden wir Vicky. Vicky mit den Handschellen. Handschellen??! Was macht dieses Mädchen mit Handschellen?! Eigentlich möchte ich das gar nicht wissen. Sie schellt also sich und Shelley zusammen und wir machen uns auf in Richtung Hauptbühnen, Sinate (Bild)
ist mein Tagesauftakt. Bringt mich gleich in Laune, ein bisschen rummoshen zwischen einer Mischung aus Punks und Hard out Metallern, springen, brüllen, ist alles drin. Jetzt bin ich also in Stimmung. Zwar keine Lust, verprügelt oder erdrückt zu werden (aus diesem Grund ziehe ich mich dann auch aus Reichweite der Triviumanhänger zurück, die waren dann doch etwas kräftiger und stacheliger, Verletzungsgefahr also größer. Und ich will ja, muss ja durchhalten bis zum Ende, bis unser Bus um halb 1 aus Auckland abfährt), aber bei Sinate ist das eben noch harmlos.Nach Sinate drängen wir uns, quer durch den D-Barrier-Bereich, rüber zu Eskimo Joe(Bild). Musste ich mir erstmal die CD zulegen danach, wundervoll schnulzige Acoustic-und-oder-alles-ein-bisschen-Rock-Band und mit ihrem Einstiegssong "Sarah" hatten die
mein Herz sowieso schon gewonnen. Während ich also 1500 Leute meinen Namen schreien hören durfte, mussten wir uns schon mal den weiteren Tagesablauf planen.Während wir also vor Trivium fliehen, finde ich - mehr oder weniger aus Versehen, natürlich auch noch in naiver Falschannahme, dass es sich um "Little Birdy" handelt, meine Neuentdeckung des Tages - The Rabble. Die haben einen derartig mitreißenden Sound drauf (an dieser Stelle entschuldige ich mich rück- und vorblickend für alle Angliszismen. Es geht nicht um Musikbusiness (ha.), sondern um die Tatsache, dass ich bei jedem Anglizismus erst fünf Minuten nachdenken müsste, um auf das deutsche Wort zu kommen. Man erinnere sich an die Tatsache, dass ich hier in englischsprechendem Umfeld leben!! Also Entschuldigung.), dass ich mich sofort springend und moshend dafür begeistern kann. The Rabble
war also quasi das Highlight des New Age Punk-Tages. Also ein bisschen "Carry on, carry on, carry on" geschrien, bis ich dann mit Shelley zurück zu den Hauptbühnen musste, um mich zweieinhalb Stunden zu früh für My Chemical Romance anzustellen.Das war dann auch nötig. Nachdem also Goodnight Nurse geduldig ausgewartet und der Gig auf der Nachbarbühne danach, Blindspott, als Softpop ausgebuht wurde, wurde schon beim Herunterlassen des Black Parade Transparents gekreischt. An dieser Stelle muss sich der Leser ein Bild des Publikums machen. Man stelle sich ein Backstreet Boys-Konzert vor, färbe die Haare der Anwesenden dunkler, male ihnen ein bisschen schwarz um die Augen und packe ihnen ein paar Buttons à la "Emos Rule" auf die Brust. Altersklasse.. zwölf bis siebzehn, zumindest mental.
Hier und da durchzogen von Ausnahmen (meine Haare sind zwar dunkel gefärbt und ich bin (jetzt) 17, aber ich hatte keinen Kayal drauf und bin auch nicht offiziell selbstmordgefährdet und habe auch nicht auf einem Shirt zu stehen, dass das Leben scheiße ist) wie ein paar Menschen, die sich einen Spaß aus dem Auslösen eines Dominoeffekts machen. Das heißt, man stubst aus Versehen am einen Ende ein kleines Emomädchen mal eben heftig an, dass sie sich an die Nebenstehenden lehnen muss. Das alles führt dann zu einem gewaltigen Menschenmassenstrudel mit sehr konkretem Schweißaustausch (keine Wolken, bei ca. 30°C knallt die Sonne auch in Neuseeland ordentlich) und haufenweise Körpern aufeinander. Das alles, bevor das eigentliche Konzert anfing. Juhu.
Ich stehe da also in der dritten Reihe, seit zwei Stunden, und der Witz ist: Ich mag My Chemical Romance nicht mal sonderlich. Mit der älteren Musik kenn ich mich überhaupt nicht aus und das neue Album ist zu "Das Leben ist scheiße, wir machen Propaganda und alle Suizidalen hören uns, gerade weil das Leben scheiße ist" für mich. Also frage ich mich dann, als ich knapp einem Haufen Neuseeland-Bravo-haltender Teenager "ausweichen" kann, "Was mache ich hier eigentlich?". Also drängle ich mich raus. Endlich. LUFT!!! Danke... One day I'll leave you, a phantom to lead you in the summer, to join The Black Paraaaaaaade ... Atmen! Dankbarkeit! Wie können diese EMOtionalen Leute das Leben nicht anerkennen, wenn sie aus dieser Masse herauskommen? Ich bin mir bis heute nicht sicher, ob da nicht irgendetwas Schlimmes passiert ist. Zufälligerweise treffe ich dann auch auf Shelley und Vic außerhalb der D-Barrier. Vic hat sich ein blaues Auge eingefangen und Shelley wurde von Menschen begraben. Beide hassen jetzt My Chemical Romance. Sagte ich vorhin mental bis siebzehn? Ich meinte vierzehn. Vier und sieben haben beide ein langes ie in ihnen. Kann man ja mal verwechseln.
Dann hatte ich also die Schnauze voll, mich zu irgendwelchen dummen Bands für Ewigkeiten anzustellen und folgte meinem eigenen Plan umher. Habe mich aufgeregt, dass Kasabian mit Jet clasht, gucke also ein bisschen bei dem Marketingzeugs rum, ärgere mir einen Hans, dass ich kein Geld dabeihabe, um mir diese wundertolle Gürtelschnalle von Illicit zuzulegen. Ich komme pünktlich zu JET zurück (Bild).
Kurzes Zeitupdate: Es ist 5 Uhr. Jet erweist sich als magnetisch für wesentlich besseres Publikum. Größtenteils Kerle in ihren frühen Zwanzigern mit guten T-Shirts und guten Schuhen, und subtil rebellisch aussehende junge Frauen. Mehr mein Ding als die armen Emos. Das ist, nach Sinate, der erste Gig, zu dem ich richtig abgehen kann. Auch alleine. War besser, wenigtens war ich dann umringt von gleichartig begeisterten Sprunggenossen und nicht von "Was machen wir hier eigentlich, mussst du hier zu The Rabble so rumspringen" Shelley. Da war ich wirklich glücklich, entspannt, und hatte Spaß. Und meine Tasche. Das war der Fehler. Ich bekomme half-way eine SMS, dass sie ihr Lipbalm braucht. Ihre Lippen tun weh. Ich starre ungläubig auf mein Handy. Ich stehe bei JET in der vierten Reihe und dieses Mädchen will ihr Lipbalm. Ich sage ihr, dass ich mir gerade einen guten Platz reserviert habe, vor allem, weil auf der Bühne danach auch The Killers spielen. Sie will mich finden kommen, weil ihre Lippen "wirklich sehr doll wehtun". Ich drehe mich um, sehe die 1000 Leute hinter mir. Hm, das könnte kompliziert werden. AAAAALSO mache ich mich auf den Weg aus dem Moshpit (bei JET ist das zwar weniger der Fall, aber naja) und bringe ihr ihr Lipbalm. Nur um auf dem Weg raus eine SMS zu bekommen, dass es dann doch OK ist. Da waren aber schon 500 Leute mehr zwischen der Bühne und mir. Das hat mir dann doch so ein bisschen die Laune vermiest. Ich versuche mich also wieder zurück durch die Barrier vor die Hauptbühne zu drängeln. Die Idee hatten vor mir auch schon ein paar Leute. So stehe ich also zwischen Radioanhängern und sehne mich nach den Hard out Jumpern an der Front, buhe gemeinsam mit jetzt wahrscheinlich 2000 Leuten den NZ Rapper Scribe aus, der aus lauter Frustration auch noch seine Stimme verliert. Nach eineinhalb Stunden ist es dann soweit. Eine Viertelstunde zu spät eröffnen die Mörder mit Sam's Town.
Nach einer Stunde bin ich froh. All These Things That I Have Done, nicht der beste Abschluss, aber naja.Ich habe Wadenkrämpfe und Hunger, habe ich doch seit 6 Uhr morgens nichts mehr gegessen, also hole ich mir weißgelbliche Pommes und Wurst. Widerlich. Zu Muse konnten wir dann auch nicht mehr rein, zu voll. Egal. Wir machen uns wieder im Dreierpack auf zu den sekundären Bühnen. Es ist 8:30. Dekorativ The Mint Chicks verpasst (scheiße!!!), treffen wir doch noch auf The Veils. Die sind gut. CD-Kauf daher zwanghaft. Nux Vomica, ein bisschen Indie, ein bisschen Akustic, ein bisschen seltsam, alles in allem aber sehr hörenswert. Danach John Butler Trio, Dimmer und Violent Femmes. Letztere sind auch qualitativ hochwertig, ich habe aber noch keine Chance auf Silberlingerwerb gehabt. Zwischendurch noch ein bisschen durch die Stände schlendern, sehen, was man alles verpasst, wenn man nur eine EC-, aber keine Kreditkarte dabei hat. Für 2,50 kaufe ich mir ein Kifferarmband, da mein Handgelenk dank fehlendes Trinkalterbestätigungsarmbandes ziemlich kahl aussah, ich will ein BDO T-Shirt, habe aber kein Geld, beiße mir deswegen in den Hintern. Shelley hat ihre 40$ in Essen und Anstecker investiert. Also fällt Geld leihen weg. Mist. Manno. So viele tolle Shirts, und alle nur 20$. Wähähähä!!!!
Schließlich ist es halb 12 und Shells und ich verabschieden uns von Vicky, versuchen, unsern Bus zu finden, kehren enttäuschterweise wieder um und kratzen unser letztes Kleingeld zusammen, um uns einen Cappuccino zu kaufen. Rumsitzen und den Violent Femmes zuhören, fast einschlafen. Unsere Handys sind schon vor langer Zeit abgekackt, trotz des nächtlichen Aufladens. Dumme Samsungmodelle. Wir schaffen es in den Bus. Ich schlafe ein. Um zwanzig nach zwei kommen wir in Hamilton an. Sue wartet schon. Wir sind alle müde, Shell und ich auch noch ausgetrocknet und brauchen erstmal Wasser. Als wir um drei Uhr in Waihou ankommen, habe ich mit dem Gedanken, aufgrund übermäßigen Blasendrucks nicht durchschlafen zu können, eine 800ml Flasche Passionfruitgeschmack-Wasser aufgesaugt. Ich finde noch Zeit, mir ordentlich die Zähne zu putzen und mich abzuschminken, jedoch muss die Dusche bis zum nächsten Tag um 12 warten. Die paar Stunden Schlaf mussten sein. Alles in allem war der Tag es mit Sicherheit wert. Die vier Tage Beinschmerzen danach sicherlich auch.
PS: Ich habe diesen ganzen Bericht am Stück geschrieben! Ich respektiere mich selbst für mein Durchhaltevermögen hehe!

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