Nachtrag
Sonntag
Nachdem wir also quasi in den Sonntag hineindiskutiert haben, mache ich mich um zwei Uhr auf in Caseys Bett und schlafe bis circa neun. Ich mache mir Frühstück, rede ein bisschen mit Sue über Flo und wie reizend er doch ist, bin an einem bestimmten Punkt glücklich, dass Neuseeländer generell nicht mit irgendeiner Form von Ironie umgehen können, rede mir dann aber ein, ich würde alles, was ich sage, todernst meinen. Beim Omelettebraten kann ich mir doch ein Lächeln nicht verkneifen. Gegen halb elf gesellt sich auch Flo zu uns, ich mache ihm ein versuchtes Omelette, bekomme beim Anblick des Ergebnisses Unfähigkeitskomplexe. Ich muss das üben. Wir bekommen Sue dazu, dass sie uns uptown, das heißt zur Whitaker St, nach 20 Minuten haben wir die gesamte „Innenstadt“ erkundigt und machen uns auf in Richtung Zivilisationsüberbleibsel: Woolworths. Wir decken uns mit Getränken und Treats ein und nehmen Mt Te Aroha in Angriff. Bereits nach fünf Minuten bereue ich, mehr als eine Schicht Kleidung anzuhaben, und als wir nach den angekündigten 45 Minuten bergauf immer noch keine Aussichtsplattform erreicht haben, reißt mir so langsam der Geduldsfaden. Das macht mir deutlich, dass Ausdauersport doch zu irgendetwas gut sein muss im Leben. Ein Glück muss ich nicht jeden Tag diesen Berg hochsteigen. Nach groben eineinhalb Stunden kommen wir bei der Plattform an und Flo spart sich die Frage, ob wir bis auf den Gipfel klettern wollen. „Wollen“, was für ein Ausdruck! Auf dem Schild am Fuß dieses Monsters standen dafür zweieinhalb Stunden geschrieben. Wer’s glaubt. Nach ca. 20 Minuten Pause, zahlreichen Fotos mit – wer ahnt es – Florian als thematisches Zentrum, steigen wir wieder runter, hauen uns in die Ironique-Bar, das Beste, was Waikato seit Starbucks passiert ist, und reden…. Reden….. reeeeden! Bis es sieben Uhr ist. Dann werden wir von Sue abgeholt und verzetteln uns wieder in eine Diskussion. Mein Schlafrhythmus bewegt sich um zwei Stunden nach vorn.
Montag
Peinlich berührt muss ich Flo beichten, dass wir für heute keine besonderen Entertainmentfaktoren einplanen können. Sue kann uns erst morgen nach Matamata fahren, also lade ich ein paar Freunde ein, und schließlich bilden wir wieder unsere Hamiltontruppe. Ein bisschen Zeit totschlagend setzen wir uns in allen möglichen Sprachen auseinander und als Shelley schließlich abzieht, erklärt sich Adrian – stolz auf seine Restricted – bereit, unsern Tea zu organisieren. Eine halbe Stunde später sitzen wir vor allerlei frittiertem, ungesundem Essen, wobei ich mit meinem Burrito anscheinend noch die beste Wahl getroffen hab. Die $10 Chips bleiben unangerührt in ihren drei Tüten. Das sind ca. 1,5 Kilo Pommes Frittes. What a waste! In möglicherweise leicht delirialem Zustand hat Sue auch nichts dagegen, dass Adrian die Nacht über bleibt. Bis wieder ca. zwei Uhr führen die beiden „Männer“ ein höchstwahrscheinlich sehr aufschlussreiches Gespräch. Mir macht das weiter nichts aus, da offensichtlich das Internet wieder funktioniert. Irgendwann sind sie dann fertig und ich darf wieder in mein(!) Zimmer. Dann gehen wir alle ins Bett.
Dienstag
Anscheinend hat Adrian geplant, mit uns nach Matamata zu kommen. Trotz der anstehenden Kosten einer typischen Touri-Tour von $50 steigen wir alle ins Auto. Wir kommen bis zur Waihou-Tankstelle. Der Kühler ist im Arsch, somit auch der geplante Ausflug nach Hobbingen. Ich tue mir unglaublich leid, fühle mich sehr schlecht und langweilig. Wir verbringen einen gelangweilten Tag in unserem Haus und diskutieren wieder eine Menge, auch nachdem Adrian dann per Anruf nach Hause diktiert wird, geht bei Flo und mir sinnbildlich die Post ab. Dem Leser sei die Interpretation selbst überlassen, aber wer uns kennt, kann sich den Tages- bzw. Gesprächsablauf vorstellen.
Mittwoch
Man merkt uns beiden den fehlenden Gebrauch eines Weckers an. Flo hat seinen Handywecker auf PM statt AM gestellt und ich meine beiden Handywecker um Punkt sechs Uhr euphorisch gegen die Wand gedonnert, sodass wir fünf Minuten vor unserer geplanten Abreise aus den Betten fallen, weil Sues Chefin, die uns zur Bushaltestelle kutschieren möchte, sich lautstark wundert, warum scheinbar kein Leben im Haus existiert. Noch dazu kommt eine äußerst fiese Dysfunktion von Caseys Türklinke, die es mir also nicht erlaubt, aus meinem temporären Schlafzimmer herauszukrauchen. Ich trommele die Tür ein, bis mir ein ebenfalls ziemlich müde aussehender Flo die Tür in Boxershorts öffnet und wir beide Panik bekommen, unseren Bus zu verpassen und für immer in Te Aroha gefangen zu sein. Wir beide bringen es fertig, innerhalb von rund sieben Minuten abreisebereit unsere Taschen und Koffer ins Auto zu laden (minus Make-up und einiger mehr oder weniger essenzieller Dinge) und stehen pünktlich und halb erfroren an der Bushaltestelle.
Irgendwann kommen wir dann in Auckland an, mittlerweile geschminkt und verhältnismäßig wach, jedoch keinesfalls energiegeladen, freuen uns unglaublich über das Hotel und watscheln ein bisschen die Queen Street, die Oxford Street von Auckland sozusagen, für Insider auch „Durchschnittskudamm“, und kommen auch zu irgendnem Zeitpunkt wieder im Hotel an.
Die Übersicht über Aktivitäten an bestimmten Tagen habe ich so ziemlich verloren, es sei gesagt, wir waren auf dem unglaublich UNHOHEN Skytower. Dafür, dass das der höchste Turm in der südlichen Hemisphäre sein soll, sieht er doch im Vergleich zum Alex’schen Fernsehturm relativ mickrig aus. Man kann ja nicht alles haben. Alles südlich von 30° nördlicher Breite ist doch sowieso zweite und dritte Welt. Und im Grunde auch alles östlich von 50° östlicher Länge. Eigentlich alles östlich und südlich von Deutschland. Die können ja nicht mal ordentliches Deutsch sprechen da unten… Schande!
Eine Hafenrundfahrt haben wir auch gemacht, ich persönlich kam natürlich mit riesigen Erwartungen in die Stadt der Segel, wo es angeblich mehr Segel(boote) als Menschen gibt, und reagierte dann doch etwas desillusioniert auf den Anblick von nicht gehissten Segeln im relativ kleinen Hafen. Den Hamburger Austauschschüler, den wir bei Burger King getroffen haben, und zwar durch Zufall, dürfte das auch ziemlich enttäuscht haben, ist er doch wesentlich größere Dimensionen und wohl auch mehr Geld gewohnt. Er erzählt uns, dass er der einzige Neuseelandreisende der Organisation Kultur Life sei und in einem „ziemlich groß“en Haus mit Bay-Blick wohne. Ihm gefalle es ganz gut. Florian nutzt die Gelegenheit, die Vorteile von privatem Austausch anzupreisen und die von ihm aus gesehen größtenteils negativen Auswirkungen meiner Organisationswahl aufzuzählen, ich stimme kleinlaut ein, weil es sowieso keinen Sinn macht, dagegen zu argumentieren. Warum sollte man auch in ein anderes Land fahren, um einen anderen Lebensstil kennen zu lernen, wenn man den guten Wilhelmsruher Stil beibehalten kann? Das einzige, was fehlt, sind nach wie vor die öffentlichen Verkehrsmittel.
Auch einige Tage, sehr viele Schritte und noch mehr Einkaufstüten und Kreditkartenablehnungen später kommen wir zu dem Schluss, dass es sich miteinander besser leben lässt als erwartet, beim Friseur – wie sollte es anders sein – erwischen wir eine deutsche Friseurin (Flo wird gerügt bei dem Wort „Friseuse“) aus Mainz, die uns prompt ein paar Tipps zur besseren Abendgestaltung gibt und diverse Kiwiunarten mit uns teilt. Ich bekomme sogar fünf Dollar Erlass zum Schluss, nur weil ich das nicht merke, bekommt die Friseurin acht statt drei Dollar Trinkgeld. Sie hatte sich zuvor beschwert, dass Neuseeländer keins geben. Wie hätte ich denn als solidarische Deutsche dagestanden, wenn ich es ihnen gleichgetan hätte?
Irgendwie abgefüllt von dem gigantischen Frühstücksbuffet ernähren wir uns anscheinend ausschließlich von Fast Food, abends spielt Flo mit dem Gedanken, den Absolut Vodka aus der Minibar zu leeren und mit Wasser aufzufüllen, weil das ja sicher niemand merken geschweige denn irgendjemanden kümmern würde. Wir wurden nicht einmal nach unserem Alter oder sogar unserem Ausweis gefragt. Nur die Kreditkartennummer wurde notiert. Kommerzielle Schweine! Aber solange wir unser Upgrade bekommen haben… Am Tag der Abreise stehen wir auf einmal mit einer Hotelrechnung von $40 da, die wir sozial teilen (vor allem, weil ca. $15 schon für die Internetverbindung drauf gehen, die ich so intensiv genutzt habe) und ein Concierge belädt mein Taxi ca. fünf Minuten, bevor wir überhaupt auschecken, was in vier Dollar bare Wartezeit resultiert. Naja, dafür hatte ich Ledersitze. Undramatischer Abschied von Flo, wie damals in der U-Bahn, ins Taxi einsteigen, vor dem falschen Terminal in der Intercity Express Coach Station fast den Bus nach Hamilton verpassen, die ganze Fahrt über Musik hören, zwischendurch aus irgendwelchen unersichtlichen Gründen den Bus wechseln, die Stirn runzeln und innerlich bereitmachen, im Hamilton Travel Center über verloren gegangenes Gepäck zu keifen, mit offensichtlicher Befriedigung das Gepäck aus dem Bus zu einem Locker schleifen. Nach drei Stunden totgeschlagener Zeit Panikattacke: Das Travel Center ist geschlossen, und meine Taschen sind drin. SUPER! Also Putzkraft bequatschen, mich noch mal reinzulassen, meine Taschen rausschleppen, über die Schließungszeiten von 5:30 stöhnen, rumsitzen, lesen, schließlich einen Anruf von zuhause empfangen. Eine halbe Stunde nach abgemachter Zeit trifft auch meine Gastmutter ein und wir fahren nach Hause. Ich falle nicht etwa ins Bett… Ich muss mir eine Mitfahrgelegenheit für den morgigen Tag suchen und bleibe bis halb zwei beschäftigt. Mein Wecker klingelt dank Zeitumstellung sonntagmorgens um 6:30. Ich sehe aus wie ein Zombie. In Waihi finde ich heraus, dass unser Wearable Arts Contest Kostüm disqualifiziert wurde, weil die Bestätigung gefehlt hat. Super, denke ich mir, aber früh aufstehen rettet doch den ganzen Tag. Egal. Ich habe lieber eine schöne Ferienwoche in Auckland verbracht.

3 Comments:
Hey Sarah
na das is ja mal ein bericht;).Auch wenn ich ihn total anders schreiben würde, bewundere ich trotzdem deine Fähigkeit, ein trip schön und zugleich nervig und schlecht darzustellen!
Respekt...:P
flo
*klugscheißt*
weil Du vom höchsten Turm auf der Südhalbkugel geschrieben hast...
das ist der Q1 Tower in Gold Coast, Australien :-P
verzeihung. das höchste gebäude. jedenfalls steht das da überall dran.
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